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Königspfalz Düren

fränkische Pfalzkapelle
Datum:
Sa. 21. März 2026
Von:
Brian-Scott Kempa, B. A.

Rings um die Dürener Annakirche befand sich vor über 1000 Jahren eine fränkische Königspfalz. Pfalzen waren zumeist befestigte Anlagen, die über einen repräsentativen Saalbau mit Königssaal, der Aula regia, sowie über Wohngebäude verfügten und in der Regel mit einem Wirtschaftshof verbunden waren; sie konnten aber auch schlichter ausfallen. Von zentraler Bedeutung war ihre Nähe zu Reichsgütern. Diese unmittelbar dem König gehörenden Besitzungen sicherten die Versorgung mit Lebensmitteln und Verbrauchsgütern. Neben landwirtschaftlichen Flächen gehörten dazu auch Weiden, Fischteiche und Wälder. Hinzu kamen Verarbeitungsstätte für die Rohprodukte, etwa Mühlen zum Mahlen von Getreide.

Fehlende feste Residenz bedingte Pfalzen
Die fränkischen Könige des Frühmittelalters regierten ihr Reich zusammen mit ihrem königlichen Hof sprichwörtlich „aus dem Sattel heraus“. Dies war notwendig, weil die Versorgung des königlichen Hofes mit Essen und anderen Dingen schwierig war; der König im Kriegsfall sein Heer persönlich anführte und bei wichtigen Streitigkeiten zwischen seinen Untertanen selbst Gericht hielt; und es immer wieder aufs Neue des persönlichen und aufwendig inszenierten Auftretens des Königs an unterschiedlichen Orten bedurfte, um dessen Macht für alle sichtbar zur Geltung zu bringen.

Militärische Aufgaben, Rechtsprechung, persönliche Anwesenheit zur Kommunikation und Darstellung sowie die Versorgung mit alltäglichen Gütern machten also das ständige Umherziehen der fränkischen Könige notwendig. Auf ihren Reisen folgten sie mehr den Anforderungen der jeweiligen Situation, als dass sie einem langfristigen Plan folgten, der alle Regionen des Reiches gleichmäßig berücksichtigte. Die Pfalzen halfen ihnen dabei, lenken sie aber auch ein stückweit, da sie nicht überall vorhanden waren.

Die Dürener Pfalzanlage
An der Stelle der heutigen Annakirche befand sich damals ein Herrenhof – der vielleicht aus einem römischen Hof hervorgegangen war – mit eigener Kapelle und umfangreichen Ländereien in der Umgebung. Dieser Herrenhof stand in irgend einer Form im familiären Besitz des fränkischen Hausmeiers Pippin des Jüngeren. Durch seine Königserhebung Ende 751 wurde der Herrenhof zum Königshof. Eine Urkunde von 761 belegt diesen Wandel: Sie nennt Düren im Zusammenhang mit einem von Pippin hier abgehaltenen Maifeld als Duria villa publica (= königlicher Landsitz Düren).

Unter Pippin, spätestens jedoch zur Regierungszeit seines Sohns Karl dem Großen, erfolgte der Ausbau des Königshofes in eine Pfalzanlage. Schriftlich bezeugt wird diese erstmals im Jahr 774. Die Lage im westlichen Teil der fruchtbaren Lösslandschaft Jülicher Börde sowie die Nähe zur Rur und zu großen Waldgebieten boten ideale Voraussetzungen hierzu. Wie diese Pfalzanlage im Detail baulich aussah, ist jedoch in keiner Form überliefert. Sie war jedoch in ihrem Endausbau in der Lage, mehrere hundert Personen aufzunehmen und zu versorgen. Dies zeigt sich zum Beispiel daran, dass Karl der Große hier in Düren in den Jahren 775 und 779 seine Truppen für seine Sachsenfeldzüge sammelte.

Der Ausgangspunkt für die Entwicklung der Dürener Pfalz entsprach damit wohl dem idealtypischen Prinzip jener Zeit. Ein bereits bestehender königlicher Herrenhof war entsprechend erweitert worden. Dazu entstand auf der höchsten Stelle des gesamten Pfalzgeländes – und im Idealfall auch ziemlich mittig in diesem – zumeist ein Saalbau, ein Wohnbereich für den König und die höchsten Würdenträger der Franken. Vorhandene Gebäude wurden ferner in die Anlage integriert, umgebaut oder durch Neubauten ersetzt. In Düren betraf letzteres nachweislich vor allem die bereits hier seit etwa 700 bestehende Hofkapelle. Zusätzlich wurde, aber nicht immer, das Areal umhegt.

Nicht alle bedeutenden Gebäude einer Pfalz waren zwingend aus Stein erbaut, doch dürfte dies überwiegend der Fall gewesen sein. Die übrigen Bauten bestanden aus Holz, ebenso die Innenstrukturen der steinernen Gebäude. Aufgrund dieses vergänglichen Baumaterials lassen sich heute archäologisch nicht ohne weiteres Spuren der Dürener Pfalz nachweisen, jedoch sind rund um die Annakirche mindestens ein Dutzend Fragmente einstiger spätantiker oder frühmittelalterlicher Bauten angetroffen worden, die vermutlich zur Pfalzanlage gehörten, ohne das sie näher untersucht wurden.

Die bauliche Struktur der restlichen Pfalzanlage zeugt von Bauten in Streulage: Webhütten, Koch-, Back- und Badehäuser, Ställe für Groß- und Kleinvieh, geschlossene Scheunen und offene Speicher, Bienenhäuser und sonstige Kleinbauten. Ergänzt wurde dies durch Kellerräume und Brunnen, Obstgärten (Bongard) und Fischteiche (Weierstraße). Außerhalb der Pfalzanlage, in einer Siedlung oder Vorburg, befanden sich schließlich die Wohnhäuser der Bediensteten und Handwerker. Deren Lage in Düren konnte jedoch bislang noch nicht unumstößlich ermittelt werden. Ebenfalls außerhalb befanden sich vermutlich noch Mühlen an dem Mühlenteichsystem, welches das Dürener Land durchzieht und mit Wasser aus der Rur gespeist wird.

Vorgängerin der Annakirche: die capella
Im Herzen der Dürener Pfalz entstand – entweder durch den Umbau der bereits bestehenden kleinen Hofkapelle oder durch deren Abriss und Neubau, was nicht eindeutig überliefert ist – im Zuge der Erweiterung des königlichen Herrenhofes die Pfalzkapelle, die capella. Das Wort geht auf die Mantelreliquie (cappa) des hl. Martin zurück, der seit der Herrschaft Chlodwigs I. als Reichsheiliger des Frankenreiches verehrt wurde. Diese Reliquie ist seit 679 im Reliquienschatz der fränkischen Könige belegt, der auch als capella bezeichnet wurde. Mit seiner Obhut waren Hofgeistliche betraut, die capellani (woraus sich später der Begriff Kaplan entwickelte). Ihre Aufgaben umfassten nicht nur die Bewachung der Reliquien – die während des Aufenthaltes des Königs in einer Pfalz im dortigen Gebetsraum aufbewahrt wurden – sondern auch die Feier der Gottesdienste des Herrschers sowie die Beurkundung von Rechtsgeschäften.

Die Dürener Pfalzkapelle ist der einzige bisher archäologisch nachgewiesene Steinbau der gesamten hiesigen Pfalzanlage. Nach der Zerstörung Dürens am 16. November 1944 wurden im Zuge der Enttrümmerung der Annakirche zwischen November 1951 und Juli 1952 Ausgrabungen unter der Leitung von Wilhelm Lehmbruck durchgeführt. Dabei kamen ein Teil der Grundmauern einer ersten Kapelle um 700 (nachgewiesen durch Münzfunde) sowie der Pfalzkapelle zum Vorschein, deren Errichtung in die Zeit um 768 (Regierungsantritt Karls des Großen) zu vermuten ist.

Aus den bei seinen Ausgrabungen freigelegten Mauerresten konnte Lehmbruck einen Grundrissplan der Pfalzkapelle erarbeiten. Demnach besaß die Kapelle eine Größe von ca. 23 x 16 Metern. Ihre Höhe wird von ihm auf ca. 13 Meter geschätzt. Baulich handelte es sich um eine dreischiffige Anlage mit einem Chor im Osten. Das Mittelschiff war durch wandartige Pfeiler von den Seitenschiffen getrennt. Der Chor erstreckte sich über die gesamte Breite des Mittelschiffs. Ihm gegenüber lag der Zugang zur Kapelle und eine Empore, die dem König vorbehalten war.

Das Erbe der Dürener Pfalz
Nach seinem Regierungsantritt ließ Karl der Große in Aachen eine Königspfalz errichten, die nach ihrer Fertigstellung zu seinem bevorzugten Aufenthaltsort wurde. Die nahegelegene Pfalz in Düren verlor daraufhin deutlich an Bedeutung: Karl selbst hielt sich hier zuletzt 782 auf. Nach ihm urkundete nur noch einmal Lothar I. 843 in Düren, hielt sich also vermutlich zu dieser Zeit hier auf. Diese Urkunde von Lothar ist zugleich die letzte Erwähnung der Dürener Pfalz als solche überhaupt.

Bereits während der Blütezeit der Dürener Pfalz hatten sich zahlreiche Menschen dauerhaft im Umfeld niedergelassen, sodass trotz der Aufgabe der Königspfalz eine funktionierende Ortschaft fortbestand. In der Forschung wird vermutet, dass diese Ortschaft 881/82 von den Normannen zerstört wurde und damit wesentliche bauliche Spuren der Pfalz verloren gingen. Inwiefern dies zutrifft, bleibt fraglich, immerhin wurde die einstige Pfalzkapelle im Jahr 941 dem Marienstift in Aachen durch Otto I. geschenkt, setzte also ihre Existenz voraus. Mit dieser Schenkung endete ihre Funktion als königliche Eigen- und Hofkirche und das Aachener Marienstift errichtete an Stelle der Pfalzkapelle einen Neubau, der fortan als Pfarrkirche für die sie umgebende und nun zu einer Stadt entwickelnde Besiedlung fungierte (Verleihung des Dürener Stadtrechtes im 13. Jahrhundert).

An die Dürener Pfalz erinnern heute vor allem die Straßennamen um die Annakirche: Altenteich, Bongard, Höfchen, Oberstraße, Steinweg, Weierstraße. Archäologische Spuren der Pfalzanlage liegen, sofern vorhanden, unsichtbar unter der Erde verborgen und sind bislang, von der Pfalzkapelle abgesehen, nicht ergraben. Eine interaktive Karte gewährt jedoch einige detailiertere Einblicke in die Blütezeit der Dürener Pfalzanlage. Sie ist hier abrufbar: Königspfalz Düren.

Hypothetisches Pfalzmodell von Hardy Keymer

Rekonstruktionsversuch der fränkischen Pfalzanlage

Basierend auf den archäologischen Erkenntnissen zur Dürener Königspfalz, den Bedürfnissen bestimmter Produktionszweige, der mutmaßlichen Vorfunktion als römischer Verwaltungssitz sowie typischer Gebäudebauweisen aus keltischer, römischer, germanischer und fränkischer Zeit hat der versierte Modellbauer Hardy Keymer versucht, die einzelnen Gebäude der Dürener Pfalzanlage zu rekonstruieren und zu verorten (dunkelrot).

Als Grundlage für die Verortung der einzelnen Gebäude diente ihm dabei die während der französischen Zugehörigkeit Dürens entstandene Katasterkarte, in der viele alte Grundstücke und Gebäude, wie zum Beispiel die Wassergräben der spätmittelalterlichen Stadtmauer (hellblau), eingezeichnet sind, die es heute so nicht mehr gibt. Ergänzt hat er diese Katasterkarte mit der Wasserführung zur fränkischen Zeit (blau) sowie den Höhenlinien der Stadt (grün).

Zum Vergleich seiner Rekonstruktionsansätze hat er ferner Bauweisen anderer Königspfalzen, wie Aachen, Ingelheim, Paderborn und Frankfurt, herangezogen. Da jedoch sowohl archäologische als auch schriftliche Belege zur Dürener Königspfalz dürftig sind, bleibt das Ergebnis trotz seiner in sich logischen Schlüssigkeit höchst spekulativ.